14 Rastorfer Mühle
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Die Rastorfer Korn- und Papiermühle
Ein kleiner Flusslauf, viel Wald mit Wanderwegen drumherum, ein paar Gebäude mit schmaler Zufahrt – dieser Standort an der Schwentine zeigt nicht sofort, dass hier fabrikmäßig produziert wurde und dass enge Verbindungen zum Schiffbau an der Kiel Förde bestanden.
Hier, auf dem ehemaligen Rastorfer Gemeindegebiet, ließ Wulf von Buchwaldt 1637, also mitten im 30-jährigen Krieg, eine Wassermühle zum Getreidemahlen errichten. Sie brannte 1754 ab. Friedrich C. Günther sorgte für den Wiederaufbau und begann mit der Papierherstellung. Die nötigen Grundstoffe, insbesondere die Zellulose, stammten von Leinenlumpen, die aus der über den heutigen Fernsichtweg in Raisdorf oder über den Ritzebeker Weg und den heutigen Wanderweg aus Klausdorf transportiert wurden. Das Papier, so viel ist bekannt, wurde erfolgreich an Wochenblätter und sogar an einen Schulbuchverlag verkauft.
1844 übernahm Christian F. K. Schliemann den Betrieb und führte ihn unter dem Namen „Maschinen-Papier-Fabrik“ industriell weiter. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es mit der Rentabilität vorbei, der Betrieb meldete kurz nach der Jahrhundertwende Konkurs an.
Heute erinnern nur noch das alte Stauwehr mit Überlauf zum Altarm der Schwentine und einige alte Gebäude an diesen Ort der Industriegeschichte.
Die Tafel zur Erinnerung an den Wiederaufbau bis zum 14.6.1757, nach dem die Rastorfer Mühle durch ein Feuer vernichtet wurde. Sie befindet sich vorn am Mühlengebäude, links neben dem Tor.
Am Mühlengebäude ist auch noch die Jahreszahl 1852 angebracht; vielleicht ein weiterer Neuaufbau?
Außerdem wurde es nach den Bombenschäden des 2. Weltkrieges wieder hergerichtet, hier nun eine Aufnahme aus dem Jahre 1980. Heute ist das Gebäude von einer Hecke umgeben.
Das Wasserkraftwerk I
Bereits im Jahr 1892 gab es Pläne der Stadt Kiel, an der Schwentine, dem einzigen größeren Zulauf in die Förde, ein Wasserkraftwerk zu errichten. Doch das Vorhaben scheiterte zunächst an den Kosten. 1902 ergab sich eine neue Chance, als die von Friedrich Schliemann betriebene Papier- und Walkmühle versteigert wurde.
Der Schliemann-Freund Bernhard Howaldt, ein Sohn des Kieler Werftgründers August Howaldt, kaufte das Areal und errichtete am Ort der alten Mühle 1903/04 ein Wasserkraftwerk, das dank des natürlichen Gefälles der Schwentine Strom erzeugen konnte. Das sogenannte „Laufwasserkraftwerk“ mit seinen beiden „Francis-Turbinen“ versorgte die damals an der Schwentinemündung gelegene Werft Howaldtswerke mit Strom und ermöglichte dem Eigner darüber hinaus den Abschluss eines lukrativen Vertrags mit den Städtischen Licht- und Wasserwerken Kiel, dem Vorgänger der Kieler Stadtwerke. Auch die Gemeinde Raisdorf wurde an das Energienetz angeschlossen.
Die Nutzung des elektrischen Stromes wirkte sich in der gesamten Umgebung auf das Leben der Menschen aus. Der Betrieb an der Rastorfer Mühle war so erfolgreich, dass man sich bereits 1909 entschloss, flussaufwärts ein weiteres Werk zu bauen, das Wasserkraftwerk II.
Vor der Erweiterung musste allerdings ein grundlegendes Problem gelöst werden: Der niedrige Wasserstand vor allem in den Sommermonaten gefährdete immer wieder die gleichmäßige Stromerzeugung, während der Schneeschmelze musste dagegen das viele Wasser oft ungenutzt an den Turbinen vorbeigeleitet werden. Für einen Stausee, der den Wasserabfluss regulieren konnte, kaufte Bernhard Howaldt zusammen mit seinem Sohn Bernhard jun. Land entlang der Schwentine bis hin zum Gut Rastorf des Grafen Christian zu Rantzau und des Klosters Preetz. Pro Hektar waren damals etwa 2000 Mark zu zahlen – in der Summe eine beträchtliche Investition. 1908 wurde die Schwentine mit Hilfe eines Damms um sechs Meter zum Rosensee aufgestaut und dort, einen Kilometer flussaufwärts vom ersten Wasserkraftwerk, das Wasserkraftwerk II errichtet. Es erhielt sogenannte „Zwillings-Francis-Turbinen“ mit einer Stromleistung von 0,75 Megawatt.
Das Wasserkraftwerk I und sein mit Betonwänden kanalisierter Zufluß um 1910 und am 5. Juni 2023.
Im Jahre 1916 übernahmen die Stadtwerke Kiel den Besitz der Familie Howaldt im Schwentinetal. 1936 wurde das Wasserkraftwerk I an der Rastorfer Mühle umgebaut. Der von zwei Kaplan-Turbinen angetriebe Turbo-Drehstromgenerator schafft bei einer Fallhöhe der Schwentine von 8,50 Meter seitdem bis zu 1,2 Megawatt. Zusammen produzieren die beiden Wasserkraftwerke, die größten ihrer Art im Lande, jährlich zusammen etwa 3,5 Millionen Kilowattstunden Strom. Die Anlagen stehen als Kultur- und Industriedenkmal unter Denkmalschutz.
Das Reichsarbeitsdienst-Lager
Ende 1933 wurde – auf Wunsch der Raisdorfer Gemeindevertretung – in den ehemaligen Mühlengebäuden ein Lager des in der Weimarer Republik gegründeten Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) eingerichtet. Die Lagerleitung befand sich in der alten Howaldtschen Villa, dem heute gelben Gebäude mit seinem markanten Turm, später wurden zusätzliche Baracken aufgestellt. Etwa 190 Männer waren im Wesentlichen damit beschäftigt, Wassergräben in der Feldmark von Klausdorf und Raisdorf zu sanieren.
Diese Abteilung 6/73 wurde im Rahmen der Gleichschaltungen im NS-Staat 1935 zu einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes (RAD), bei der für Männer Dienstpflicht bestand. In den Folgejahren wurde von ihnen in Handarbeit die Schwentine reguliert, um die Böschungsprobleme in Klausdorf zu beseitigen, die wegen der unterschiedlichen Wasserstände des Kraftwerksbetriebes entstanden waren.
Zu Kriegsbeginn im September 1939 wurde auch die RAD-Abteilung 6/73 zu einem Marine-Baubataillon umstruktuiert und verließ die Rastorfer Mühle. Das leerstehende Lager nutzten danach vorübergehend andere Arbeitsdienst-Einheiten.
Blick über den Altarm der Schwentine zu den Baracken des RAD-Lagers und dem ehemaligen Mühlengebäude. Ganz hinten ist noch die Villa auf dem Berg Richtung Rosenfeld zu sehen.
1941 wurde das Lager an die Werft der Deutschen Werke Kiel abgetreten, die dort zum Teil zwangsrekrutierte italienische Arbeiter unterbrachte – Menschen, die Duce Benito Mussolini dem Führer Adolf Hitler als Unterstützung im Rüstungsbereich zugesagt hatte. 1942/43 wurden diese Italiener ins Lager Karkkamp in Raisdorf verlegt, wo sie nach dem Sturz von Mussolini Mitte 1943 zu Zwangsarbeitern wurden. In den leerstehenden Baracken des Lagers Rastorfer Mühle brachte die Gemeinde ab 1943 ausgebombte Familien unter. Im Spätsommer 1944 beanspruchte der RAD das Lager wieder für sich, hier begann jetzt die Ausbildung der Abteilung 2/76 für den Kriegseinsatz.
In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1945 wurde das Lager bei einem schweren Bombenangriff, der den Wasserkraftwerken galt, vollständig zerstört. Viele junge RAD-Männer wurden getötet oder schwer verletzt.
Überliefert sind Tagebuch-Einträge vom ehemaligen Marine-Flakhelfer Joachim Meyer-Quade, der dort als Ausbilder eingesetzt wurde:
„Freitag, 6. April 1945 – nun bin ich schon 14 Tage im Lager des Reichs-Arbeits-Dienstes in Raisdorf bei Kiel. Im Tal vor der Villa Fernsicht liegen vier Baracken vor dem alten Bauernhof, dazwischen ein Holzhaus für die Waschräume und die Gruben-Toiletten. Auf der gegenüberliegenden Seite der in einem Steinbett fließenden Schwentine liegen die Ess-Baracke und die Zeugkammer, in der alten Howaldt-Villa wohnen unsere Vorgesetzen. Wir sind 250 Mann, alle 15 bis 16 Jahre alt, eingezogen, um eine vormilitaristische Ausbildung zu erhalten.
Wir buddeln Einmannlöcher in die Hänge des Schwentinetals, denn der Boden, auf dem die Baracken stehen, ist feucht, der Nebenlauf der Schwentine überschwemmt bei starken Regen alle Flächen. Und wegen der Fliegerangriffe müssen wir hochliegende Deckungslöcher haben – auch dafür, falls eine Bombe die Mauer der höher fließenden Schwentine treffen sollte.
13. April 1945 – gegen 9.30 Uhr Fliegeralarm. 38 Minuten Sprengbomben, dann Brandbomben . . . kann nicht mehr in mein Deckungsloch . . . es ist taghell, ich sehe Explosionen – auch eine direkt vor dem Bauernhaus und eine, die mein leeres Deckungsloch trifft. Aber dann kommen die Luftminen, sie reißen einem die Luft aus der Lunge, zerfetzen alle Holzbaracken, brechen die Äste der Bäume ab, kippen die Mauern um und ebnen die Deckungslöcher ein. 4 Tote, 10 Schwerverwundete und 2 Vermisste, von denen wir nur Körperteile finden.“
Am Abend des 27. April 1945 verlassen die letzten RAD-Männer das zerstörte Lager Richtung Rendsburg, um noch für den Endkampf des Krieges ausgebildet zu werden.
Die Gedenktafel für die Opfer von Gewaltherrschaft, Krieg und Vertreibung
Am Fernsichtweg, gleich hinter der Brücke Richtung Wildpark befindet sich auf der linken Seite eine von der Stadt finanzierte Gedenktafel. Sie entstand nach einer Initiative der „Spurensucher“ bei der Volkshochschule Raisdorf. Die Tafel erinnert an das Leid und die Not der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen während des 2. Weltkriegs, und an die vielen geflüchteten und ausgebombten Menschen, die in den sechs Barackenlagern auf dem heutigen Stadtgebiet von Schwentinental untergebracht waren.
Zwei Lager in Klausdorf hatten allerdings damals andere Bezeichnungen:
1. Lager Aubrook hieß "Lager Sportplatz",
2. Lager Preetzer Chaussee war das "Kriegsgefangenenlager Elmschenhagen-Ost"
Die Bezeichnung "Elmschenhagen-Ost" kommt daher, weil Kieler Stadtplaner auf dem Gebiet des heutigen Ostseeparks bereits angefangen hatten, den Kieler Stadtteil "Elmschenhagen-Ost" entstehen zu lassen. Der Kriegsausbruch beendete die Bauarbeiten und auch den Einsatz der Zwangsarbeiter dort!
Die fertige Tafel zur Erinnerung an die Lager in Klausdorf und Raisdorf im 2. Weltkrieg. Hier am 17. März 2011, noch vor dem Einbau in den Schaukasten.
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