09 Der Ausrufer

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KuKuK_Tafeln-Druck 10

Plastik von Karlheinz Goedtke, zu Ehren des Nachtwächters, der zum Klausdorfer Original wurde

Gestatten: Boller, Johann Boller!

 

Von Oktober 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, bis zum März 1927, insgesamt also fast zwölf Jahre lang, hat Johann mit der Glocke in der Hand als Nachtwächter gearbeitet, den Menschen im Ort die wichtigsten Nachrichten kundgetan und auch die Ausgabe von Lebensmitteln und Brennstoffen verkündet. Op Platt, versteht sich. Johann Boller muss ein wahrlich gutes Gedächtnis gehabt haben, denn als Analphabet konnte er kaum lesen und schreiben. Dafür konnte er gut trinken: Die Sperrstunde, die er eigentlich durchzusetzen hatte, hat er schon mal eigenmächtig nach hinten verlegt – sofern ihm die Saufkumpane Bier und Köm ausgegeben haben.

Johann Boller zu Ehren steht seit fast 40 Jahren vor dem Bürgerhaus in Klausdorf eine Bronze-Plastik des Bildhauers Goedtke aus Mölln. Sie gehört zu den Standorten, die der Verein für Kunst und Kultur sowie kulturhistorische Projekte (kurz "KuKuK") in seinem Kulturpfad durch Schwentinental aufgenommen hat.

Der Ausrufer von Karlheinz Goedtke (Foto Peter Dohse)
Johann Boller m. Emilie Kaiser u. Hans Lindner zu Pferde (Foto von Margit Fey)
Johann Boller mit seiner Zimmerwirtin Emilie Kaiser und ihrem Enkel Hans Lindner zu Pferde um 1931

 

Die Anekdoten zu Johann Boller zeugen von einem harten Leben, wie es für ungelernte Landarbeiter nicht untypisch war. 1866 in Flüggendorf geboren, wohnte er mit Ehefrau und sechs Kindern zunächst auf dem Auberg im heutigen Aubrook. Beschäftigung fand er auf dem Hof Altmühlen. Später erhielt er Quartier in der alten Schule am Klausdorfer Dorfplatz und eine Anstellung als Arbeiter und Bote bei der Gemeinde. Vorteil: Die Familie konnte den alten Schulgarten nutzen. Johann Bollers Verdienst belief sich damals auf 1,50 Mark als Stundenlohn für Botengänge und auf 4,40 Mark für jeden Nachteinsatz.

 

Johann Boller machte gerne und oft Gebrauch von seinem Dienstrevolver, etwa wenn er Strauchdiebe oder ihn ärgernde Kinder hinter der dunklen Hecke vermutete. Um Schlimmeres zu verhindern, hat Bürgermeister Friedrich Wienroth, in den unruhigen Zeiten des Matrosenaufstandes und der folgenden revolutionären Monate, ihm seine scharfe Waffe abgenommen; sie wurde ersetzt durch eine Schreckschusspistole. Im September 1919 erhielt der Nachtwächter ein Horn – das war wichtig im Falle eines Brandes. Der schließlich erhielt der Bote, Ausrufer und Nachtwächter den Tarif-Lohn für Gemeindearbeiter. 


Der Arbeiterrat billigte ihm außerdem ganz offiziell Arbeitsmaterialien zu, vorher musste Johann Boller Spaten oder Schaufel selbst besorgen. Die Aufwertung seiner Tätigkeit setzte sich fort, es gab eine Dienstmütze und 20 Mark Futtergeld für seinen Begleithund. Ab Mai 1922, weil er allzugerne während des Dienstes ein Gläschen kippte, wurde ihm seine Nachtwächtertätigkeit verboten. Allerdings nur kurzzeitig, Johann Boller hatte sich bereits unentbehrlich gemacht, die Dorfbewohner wollten auf seine oft kuriosen Ansagen nicht verzichten. Immerhin wurden die Klausdorfer Gastwirte strikt angewiesen, ihm während der Dienstzeit keine alkoholischen Getränke auszuschenken. Bekannt ist auch, dass in den Zeiten der Inflation 1923 das Futtergeld für den Begleithund nicht mehr als fix festgesetzt, sondern auf den „Gegenwert von acht Broten“ veranschlagt wurde. Und dieser Wert änderte sich bekanntlich wöchentlich oder sogar täglich.

 

Seinen Lebensabend verbrachte Johann, nach zeitweiligem Aufenthalt in einer Kieler Alkoholklinik, auf dem Bauernhof von Emilie Kaiser im Heidbergredder.

 

Die Einweihung des Bürgerhauses und der Statue

Einweihung der Statue vor dem Bürgerhaus (Sammlung KuKuK)
Einladung m. Programm zur Einweihung (Gemeindebote Klausdorf)

Der damalige Klausdorfer Bürgermeister Rainer Schliemann (links auf dem Foto) setzte in seiner Rede ein Zeichen: „Unser neues Haus soll ein Haus der Bürgerschaft sein, in dem im Namen der Bürger und für die Bürger gearbeitet wird. Ich wünsche und hoffe, dass das Bürgerhaus dieser Aufgabe immer dienen möge und dass alle Bürger unseres Ortes das Bewusstsein haben, hier - zu Hause - zu sein.“ 

 

Das Bürgerhaus Klausdorf ist heute immer noch, nach Auszug der Gemeindeverwaltung, ein Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Die Bücherei Klausdorf, das Bürgerbüro und die Stadtwerke haben hier ihre Räume. Im Keller befindet sich der Archivraum vom Kulturverein " KuKuK".

Auch AWO und DRK nutzen das Gebäude; jeden Dienstag von 15 bis 18 Uhr ist "Bürgertreff" mit Skat und anderen Spielen, dazu Kaffee und Kuchen und viel Zeit zum Klönen. Früher versorgte die AWO ältere Mitbürger mit warmem Mahlzeiten mit Hilfe von "Essen auf Rädern".

 

Feier zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990

Stein zur Deutschen Einheit vor der Linde (Foto KuKuK)

Ebenfalls am Bürgerhaus steht der Gedenkstein zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. 

Gottfried Christopher Hesse, der am 11. August 2024, wenige Tage vor seinem 87. Geburtstag verstarb, hat stets am 3. Oktober pünktlich um 12 Uhr an diesem Gedenkstein musikalisch an den Tag der Deutschen Einheit erinnert – mit der Nationalhymne, mit dem von Beethoven vertonten Schiller-Gedicht „Freude schöner Götterfunken“ und dem geistlichen Lied „Lobe den Herren“. 

Einladung m. Programm zur Feier (Gemeindebote Klausdorf)

Einladung von Bürgervorsteher Karl Eckert und Bürgermeister Horst Müller mit Programm zur Feier der Wiedervereinigung.

Bürgervorsteher Karl Eckert bei der Ansprache zur Einweihung des Steines (Archiv KuKuK)

Bürgervorsteher Karl Eckert bei seiner Ansprache zur Einweihung des Gedenksteines und der dahinter gepflanzten Linde.

 

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